Lektion 1: Das Menschenbild im Coaching

Stell Dir bitte einmal folgendes vor:  Du buchst einen Coach, weil Du bei einer beruflichen oder persönlichen Problemstellung eine professionelle Unterstützung wünscht. Wie möchtest Du als Klient und als Mensch wahrgenommen und behandelt werden? Nimm Dir bitte einen Moment Zeit, um Dir diese Frage zu beantworten.

Hinter jedem Coaching-Ansatz steht - neben ethischen Gesichtspunkten und dem eigenen Modell der Welt - auch ein Menschenbild. Es hat großen Einfluss darauf, wie ein Coach mit seinen Klienten umgeht. In der Psychologie versteht man unter einem Menschenbild die Grundannahmen darüber, was einen Menschen ausmacht oder auch, wie der Mensch „funktioniert“. Häufig ist es mit einem komplexen theoretischen Fundament verknüpft: Liegt die Ursache des Problems in der Kindheit? Oder ist es die Folge falsch erlernter Strategien? Ist die aktuelle Lage des Klienten auf das organisatorische System seiner Firma zurückzuführen? Ist er programmierbar? Oder entwickelt er sich aus sich selbst heraus? Die Antworten auf diese Fragen dienen gleichzeitig als Leitfaden dafür, wie ein Problem, ein Veränderungswunsch „behandelt“ werden sollte.

Oft ist uns unser Menschenbild gar nicht bewusst, obwohl wir uns davon leiten lassen. Als Coach und professioneller Begleiter von Menschen ist es jedoch unumgänglich, sich das eigene Menschenbild zu verdeutlichen und zu reflektieren. Zwei Menschenbilder, die maßgeblich im Coaching und im NLP eine Rolle spielen, werden im Folgenden stellvertretend kurz vorgestellt.

Behavioristisches Menschenbild

(frühes 20. Jahrhundert, Vertreter u.a. B.F. Skinner, Ivan Pawlos, John B. Watson)

Der Behaviorismus vertritt u.a. die Auffassung, dass Bewusstsein und freier Wille Illusionen sind und menschliches Verhalten ausschließlich auf gelernten Reaktionen auf Reize aus der Umwelt basiert. Daraus resultierende Glaubenssätze und Haltungen im Coaching sind beispielsweise:

  • Verhalten des Menschen kann durch Lob (positives Feedback) verstärkt und Strafe (negatives Feedback) geschwächt werden.
  • Menschen können durch Training entsprechend geschult werden (um Ziele zu erreichen).
  • Jeder kann jedes Verhalten erlernen, mit der passenden Methode ist jedes Verhalten veränderbar.
  • Es ist durchaus legitim, Menschen zu verändern.
  • Coaching wird genutzt, um neues Verhalten zu installieren und zu integrieren.

Humanistisches Menschenbild

(ab 1950, Vertreter u.a.: Carl Rogers, Fritz Perls, Ruth Cohn)

Der Humanismus sieht Autonomie als zentralen Wert, d.h. Menschen entwickeln sich autonom und werden nicht konditioniert. Dabei wird die Entwicklung des Menschen von dessen Selbstkonzept beeinflusst, unterstützend ist die Erfahrung von Wertschätzung, Empathie und Kongruenz. Die damit verbundenen Thesen und Haltungen im Coaching sind beispielsweise:

  • Der Klient wird mit all seinen Bedürfnissen wahrgenommen.
  • Persönlichkeitsentwicklung wird durch entsprechende Angebote unterstützt.
  • Der Coach unterstützt die Klienten dabei durch Wertschätzung, Empathie und Kongruenz.
  • Feedback wird eingesetzt, damit der Klient sein Selbstkonzept weiterentwickeln kann.
  • Kompetenz zur Gesprächsführung ist eine wesentliche Qualifikation, um den Menschen optimal zu begleiten.
  • Der Coach achtet auf die Autonomie des Klienten und hinterfragt dessen Erfahrungen und Selbstkonzept, um den Klienten bestmöglich zu unterstützen.

Keines der aufgezeigten Menschenbilder ist besser oder schlechter. Je nach Situation kann beides zum Einsatz kommen. Welches Vorgehen aktuell sinnvoller ist, entscheidet auch der Kontext, in dem das Coaching stattfindet: Braucht der Klient ein konkretes, schnell wirksames Tool oder ist eine andere Intervention sinnvoller? Wichtig ist, dass sich ein Coach bewusst darüber zu ist, aus welchem Menschenbild heraus er agiert.

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