Lektion 14: Provokatives Coaching

Das Provokative Coaching ist eine sehr humorvolle und freche Methode. Sie wirkt auf den ersten Blick so, als würde der Coach sämtliche Regeln des guten Geschmacks im Umgang mit den Klienten verletzen. Das Gegenteil ist der Fall. Provokatives Coaching ist zwar auf liebevolle Art respektlos, aber NIEMALS beleidigend oder verletzend. Die Grundhaltung gegenüber dem Klienten ist uneingeschränkt wertschätzend. Der Coach spricht direkt aus, was der Klient vermutlich selbst von sich denkt und nimmt dadurch dessen eigene Limitierungen auf die Schippe.

Die provokative Therapie wurde von dem irisch-stämmigen Amerikaner Frank Farrelly Anfang der 60er Jahre in den USA entwickelt. Er war lange Jahre Mitarbeiter von Carl Rogers. Als Therapeut in psychiatrischen Einrichtungen und in Gefängnissen war er es eines Tages leid, dass er mit seinen bisherigen Methoden nicht weiterkam. Er sagte daher seinen Patienten deutlich, dass er auch nicht mehr daran glaube, dass sie sich verändern könnten. Genau dies brachte jedoch den Stein ins Rollen und die Therapie ging plötzlich voran.

Dahinter steckt die Überzeugung, dass Klienten keine Lust darauf haben, immer nur freundlich um den heißen Brei zu reden. Ein provokativer Coach sagt ihnen ins Gesicht, was er an ihnen wahrnimmt. Und das ist nicht immer schmeichelhaft. Doch gerade dadurch erleben sie die Offenheit und Kongruenz ihres Coaches, sie müssen sich nicht fragen, was ihr Coach wirklich über sie denkt.  Noni Höffner, die den Provokativen Coaching-Stil weiterentwickelt hat, benennt dieses Vorgehen als „Liebevolles Karikieren des Weltbilds meines Klienten“, abgekürzt LKW.

Durch gezielte Provokation (provocare = hervorrufen) wird beim Klienten dessen Widerspruchsgeist geweckt und dadurch seine Ressourcen zur Selbstregulierung aktiviert. Er ist stark genug, um seine Probleme selbst in Angriff zu nehmen. Der Coach achtet dabei sehr genau auf die Reaktionen des Coachee und darauf, auf welche Themen dieser anspringt. Denn nicht jeder humorvolle Spruch trifft auch einen Triggerpunkt. Manche Themen lassen den Klienten völlig kalt, bei anderen erfolgt sofort eine Reaktion (verbal oder nonverbal). Dies erfordert nicht nur ein sehr genaues Kalibrieren, sondern auch absolute Augenhöhe mit dem Klienten. Für Beobachter mag es manchmal unethisch wirken, was der Coach zum Klienten sagt. Für den Klienten wirkt dies jedoch befreiend und er kommt in die Lage, auch mal über sich selbst und seine Wachstumsblockaden zu lachen. Gerade in sehr emotionalen Situationen kann es durch geschickte Provokation passieren, dass ein Klient gleichzeitig weint und lacht.

Provokatives Coaching gelingt nur, wenn wirklich eine absolut wertschätzende Haltung dem Klienten gegenüber besteht. Nur so ist es möglich, dass die Sprüche und Behauptungen des Coaches auch humorvoll angenommen werden können. Ohne diese Wertschätzung werden die Aussagen zynisch. Mangelnde Sympathie für den Klienten ist auch eine der wenigen Ausschlusskriterien für den provokativen Ansatz.

Ausschlusskriterien: Wann sollte nicht provokativ interveniert werden?

  • wenn der Coach seinen Klienten nicht mag (Interventionen werden sonst zynisch und sarkastisch)
  • wenn der Klient akut in Trauer ist (verbietet sich von selbst)
  • wenn der Coach vom Thema des Klienten nicht die leiseste Ahnung hat
  • wenn der Coach gerade am gleichen Thema wie der Klient knabbert (z.B. bevorstehende Scheidung). Provokativer Tipp: er sollte in seiner Entwicklung mindestens eine Woche weiter sein als sein Klient.

Provokative Interventionen:

Die meisten der empfohlenen Interventionen sind das genaue Gegenteil von allem, was in anderen Coaching-Methoden als Prinzipien gelten. Der Coach kann zum Beispiel:

  • dem Klienten ins Wort fallen, ihn nicht ausreden lassen.
  • Aktivdiagnosen stellen „Sie sind auch ein ziemlicher Langweiler“
  • Begeisterung für das Symptom zeigen „das ist doch großartig, dann können Sie mit Ihrer Unfähigkeit zur Mitarbeiterführung wenigstens nicht Gefahr laufen, sie zu manipulieren!“
  • Stereotypen, Verallgemeinerungen und Vorurteile aussprechen, als sei es eine Wahrheit „nun, Sie sind blond, da dauert es natürlich etwas…“
  • und natürlich einiges mehr

Den Ideen des Coaches sind fast keine Grenzen gesetzt. Dabei lässt er sich von seiner Intuition und genauer Beobachtung leiten und benennt das, was er im Moment wahrnimmt. Dies schließt auch eigene Gefühle oder Reaktionen auf den Klienten sein. „Hmm, da fällt mir jetzt aber gar nichts dazu ein. Sind Sie anderen gegenüber auch so wenig inspirierend?“

Einsatzmöglichkeit im Coaching

Provokative Interventionen finden entweder in einer klar definierten provokativen Coaching-Sitzung statt oder situativ im „klassischen Coaching“ als humorvolle Intervention. Im letzteren Fall ist es (vor allem für ungeübte Coaches) enorm wichtig, ein Gespür dafür zu haben, ob entsprechende Behauptungen jetzt passen. Tonfall, Mimik und vielleicht ein Augenzwinkern leiten in dem Fall zum gezielten Provozieren über.

Voraussetzungen beim Coach:

Ein provokativ arbeitender Coach sollte über ein hohes Maß an Humor verfügen UND in der Lage sein, über sich selbst und seine eigenen Fehler und Limitierungen zu lachen.

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