Lektion 1.2 Philosophische Wurzeln – Von Viktor Frankl bis Alfried Längle
Die Denkwelt des existenziellen Coachings
Viktor Frankl (1905–1997), ein österreichischer Neurologe, Psychiater und KZ-Überlebender, begründete die Logotherapie – einen psychotherapeutischen Ansatz, der davon ausgeht, dass der Mensch ein "sinnsuchendes Wesen" ist. Im Gegensatz zu Freud (Trieb) und Adler (Macht) stellte Frankl den "Willen zum Sinn" ins Zentrum seiner anthropologischen Überzeugung. Für das Coaching bedeutet dies: Menschen brauchen mehr als funktionierende Systeme, sie brauchen eine Idee davon, wofür sie leben. Frankl war zutiefst davon überzeugt, dass Sinn nicht erfunden, sondern entdeckt werden muss – als Antwort auf die Fragen, die das Leben an uns stellt. In Coachingprozessen übersetzt sich dies in eine Haltung des Hörens, Fragens, Ermöglichens – und der Vermeidung jeder Form von Sinnvorgabe. Der Coach wird so zum Resonanzraum für die Suchbewegung des Klienten. Dabei geht es weniger um kognitive Klarheit als um existentielle Stimmigkeit. Frankl sprach von "wertbezogener Intentionalität": Die Suche nach Sinn ist nicht beliebig, sondern eingebettet in einen ethischen Horizont. In der Praxis heißt das: Sinnarbeit im Coaching geschieht nicht durch schnelle Vision-Boards, sondern durch ein achtsames, wertegeleitetes Erforschen von Bedeutung, Verantwortung und Verbindlichkeit.
Alfried Längle (geb. 1951), Schüler und späterer Weggefährte Frankls, entwickelte mit der "Personalen Existenzanalyse" (PEA) einen differenzierten psychologischen Ansatz, der philosophische Tiefen mit therapeutischer und coachingbezogener Anwendbarkeit verbindet. Seine Theorie der vier Grundmotivationen (1. Dasein-Können, 2. Leben-Mögen, 3. Selbst-Sein-Dürfen, 4. Sinn-Finden) bietet Coaches ein kompaktes, aber tiefgründiges Raster, um die Lebenssituation eines Menschen zu erfassen und Veränderungsimpulse anzustoßen. Besonders wertvoll ist dabei die Idee, dass Sinn nur dann erlebt werden kann, wenn die vorherigen Grundmotivationen als erfüllt erlebt werden – also wenn ich innerlich da bin, mein Leben annehmen kann, in mir selbst ruhen darf und von dort aus nach Bedeutung frage. In der Coachingpraxis lassen sich diese Dimensionen z. B. durch explorative Fragen erfassen wie: "Wie sehr bist Du in Deinem Leben wirklich da?" oder "Was hindert Dich, Dich selbst voll und ganz zu bewohnen?". Längles Denken ist von einem zutiefst dialogischen Geist geprägt: Der Mensch wird nicht als Mechanismus betrachtet, sondern als existenzielle Beziehungseinheit – mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt.
Jean-Paul Sartre und Albert Camus, zwei der zentralen Vertreter des französischen Existenzialismus, liefern keine direkt anwendbaren Coachingmethoden, wohl aber eine existentielle Grundhaltung, die in der heutigen Coachingpraxis hochrelevant ist. Sartres berühmter Satz „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“ verweist auf eine radikale Form der Verantwortung: Wir sind frei zu wählen, auch wenn wir es oft nicht wollen – und wir tragen die Folgen unserer Entscheidungen. Für Coaches bedeutet das: jede Entscheidung eines Klienten verdient Respekt, aber auch Rückspiegelung. Es geht nicht darum, Verhalten zu steuern, sondern Bewusstsein zu fördern. Die Frage ist nicht nur: „Was willst Du?“, sondern: „Willst Du auch, was aus dieser Wahl folgt?“ Damit ist auch eine Perspektive auf Authentizität verbunden: Authentisch ist nicht, was spontan oder unangepasst ist, sondern was in Übereinstimmung mit der selbstgewählten Verantwortung geschieht. Authentizität im Coaching bedeutet also, Klient:innen dabei zu unterstützen, zu dem zu stehen, was sie selbst gewählt haben – in Freiheit und mit allen Konsequenzen.
Camus wiederum – vor allem durch sein Werk „Der Mythos des Sisyphos“ bekannt – thematisiert die Absurdität des Lebens. Er stellt die Frage: Wie kann man leben, wenn das Leben keinen objektiven Sinn hat? Seine Antwort: durch Revolte, durch innere Auflehnung gegen Sinnlosigkeit, durch das bewusste Ja zum Leben – gerade weil es keine Garantien gibt. Im Coaching heißt das: Manche Klienten sind nicht blockiert, weil sie zu wenig Ziele haben, sondern weil sie den existenziellen Mut zum Trotzdem verloren haben. Hier kann Coaching helfen, wieder Kontakt zum schöpferischen Akt des Lebens selbst zu finden – nicht durch Erklärungen, sondern durch Präsenz, Resonanz und Einladung zur Selbstverantwortung.
Kontrast: Frankl und Sartre – Sinn und Freiheit in Spannung
Besonders fruchtbar – und für viele Coaches auch herausfordernd – ist der Kontrast zwischen Viktor Frankl und Jean-Paul Sartre. Während Frankl davon ausgeht, dass Sinn grundsätzlich im Leben vorhanden ist und entdeckt werden kann, lehnt Sartre die Vorstellung einer vorgängigen Bedeutung ab. Für ihn gibt es keine "Wesenheit des Menschen" vor der Entscheidung – der Mensch ist, was er aus sich macht. Für Coaches ergibt sich daraus ein Spannungsfeld: Unterstütze ich meine Klient:innen eher dabei, den Sinn, der in ihrer Geschichte, ihrem Leid oder ihren Werten bereits angelegt ist, zu entdecken (Frankl)? Oder fördere ich sie in der Freiheit, Sinn aus sich selbst heraus zu erschaffen – auch im Angesicht von Sinnleere (Sartre)? Beides schließt sich nicht aus. Doch es verlangt vom Coach ein hohes Maß an philosophischer Selbstklärung.
Reflexion: Deine philosophische Haltung als Coach
Nimm Dir heute bewusst 30 Minuten Zeit, um Dich in Stille mit den folgenden Fragen auseinanderzusetzen. Schreibe Deine Antworten auf – nicht, um sie zu bewerten, sondern um Deinem Denken Tiefe und Richtung zu geben:
- Welche der vorgestellten Denker spricht Dich persönlich am stärksten an – und warum?
- In welchen Momenten hast Du im Coaching gespürt, dass es nicht um Problemlösung, sondern um Sinn ging?
- Welche Rolle spielt Verantwortung in Deinem eigenen Leben – und wie gehst Du damit um, wenn Klient:innen ihr ausweichen?
- Wie gehst Du als Coach mit dem Paradox um, dass es keine objektive Sicherheit gibt – aber dennoch ein Leben in Integrität möglich ist?
- Welche philosophischen Werte tragen Dich in Deiner eigenen Coachingpraxis – und wie bewusst sind sie Dir?
- Wo stehst Du persönlich im Spannungsfeld zwischen Sinn-Entdeckung (Frankl) und Sinn-Konstruktion (Sartre)?
Diese Übung ist mehr als Reflexion. Sie ist ein Akt der Positionierung. Denn als existenzieller Coach bist Du nicht neutral – Du bist Zeuge des Lebendigseins. Und damit auch Teil eines viel größeren Dialogs zwischen Leben, Sinn und Menschlichkeit.