Lektion 6.1 Praxisübungen und Fallbeispiele
Der Klient hatte gerade gesagt: „Ich weiß nicht, warum ich überhaupt noch funktioniere.“ Ich hätte fragen können, trösten, strukturieren. Doch ich blieb still. Sekunden wurden lang. Dann sah er mich an und sagte leise: „Du hältst das aus?“ Ich nickte. Und da begann das eigentliche Gespräch.
Diese Lektion führt Dich genau an diesen Ort: Wo keine Technik mehr greift – nur noch Begegnung.
Im existenziellen Coaching gipfelt die Theorie in der Praxis, die Haltung in der Handlung, die Tiefe in der Begegnung. Diese Lektion ist der lebendige Raum, in dem das bisher Gelernte verkörpert, angewendet und reflektiert wird. In der Praxis zeigt sich, ob Du nicht nur weißt, was Sinn, Freiheit, Verantwortung und Authentizität bedeuten – sondern ob Du sie als Coach auch im Kontakt mit dem lebendigen Gegenüber zu halten vermagst. Denn die wahre Kunst beginnt dort, wo die Konzepte nicht mehr genügen: im Schweigen, im Zögern, im Aushalten, im Mitschwingen. Diese Lektion schenkt Dir konkrete Praxisübungen, herausfordernde Fallbeispiele und tiefgehende Reflexionen, damit Du lernst, nicht nur zu verstehen – sondern zu verkörpern.
Die Praxis des existenziellen Coachings unterscheidet sich grundlegend von rein zielorientierten oder funktionalen Formaten. Sie ist kein Ablaufplan, keine To-do-Liste, sondern ein Erfahrungsfeld, das vom gegenseitigen Gewahrsein lebt. Du trittst als Coach nicht als Wissensvermittler auf, sondern als Mit-Mensch. Das bedeutet: Du bist bereit, mit Deinen Klient:innen in einen Raum einzutreten, der nicht kontrollierbar ist. Jeder Moment im Coaching kann zur Schwelle werden: zwischen Anpassung und Freiheit, zwischen Leere und Sinn, zwischen Selbstvermeidung und Selbstbindung. Deine Aufgabe ist es nicht, Sicherheit zu liefern, sondern einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Unsicherheit gehalten werden kann.
Was Coaching transformiert, ist nicht primär die Methode, sondern die Qualität der Präsenz. Ein Blick, ein Satz zur rechten Zeit, ein Schweigen, das nicht peinlich, sondern tragend ist – all das wirkt oft nachhaltiger als jedes Fragetool. Deshalb ist Praxis hier nicht das bloße Einüben von Technik, sondern vor allem das Verfeinern einer inneren Haltung. Über alle Übungen hinweg geht es darum, Deine Fähigkeit zur radikalen Präsenz zu kultivieren, Deine Resonanzfähigkeit zu stärken und Dein Vertrauen ins Nicht-Wissen zu vertiefen.
Übungen zur Verankerung der Grundhaltungen
Diese Übungen dienen nicht nur als Trainingsformate im Peer-Setting, sondern lassen sich auch – angepasst an die Situation – direkt in echten Coaching-Sitzungen einsetzen. Sie verkörpern zentrale Aspekte existenzieller Coachinghaltung: Präsenz, Verdichtung, Wahrhaftigkeit. Damit Du sie leichter anwenden kannst, findest Du unter jeder Übung nun zusätzlich eine existenzielle Verankerung sowie eine kurze Praxis-Übertragung.
Übung 1: Die Stille halten
Diese Übung ist eine Einladung, das Wesentliche jenseits der Sprache zu erfahren. Stille ist nicht Leere, sondern ein aktiver Raum – ein Ort, an dem Verbindung, Tiefe und Echtheit entstehen. Ziel der Übung ist es, Deine Fähigkeit zu schulen, im Unausgesprochenen präsent zu bleiben und die eigene Unruhe nicht zu bekämpfen, sondern zu bezeugen.
So geht die Übung: Setze Dich mit einer Kolleg:in oder Peer einander gegenüber. Stellt einen Timer auf 10 Minuten. Während dieser Zeit kommuniziert Ihr nicht – weder sprachlich noch nonverbal (kein Lächeln, keine Gesten, kein Nicken). Ihr bleibt einfach da, im gemeinsamen Raum, ohne euch zuzuwenden oder abzuwenden. Alles darf sein – Unruhe, Scham, Nähe, Distanz. Nach Ablauf der Zeit folgt ein achtsamer Austausch über das Erlebte.
Lernziel und Wirkung: Du wirst erleben, wie aktiv Stille sein kann – und wie schwer es fällt, nichts zu tun. Du spürst vielleicht den Impuls, die Spannung aufzulösen, zu helfen oder zu erklären. Genau diese Impulse zu beobachten und nicht sofort zu bedienen, ist ein zentrales Lernfeld für Dich als Coach. Du trainierst Deine Fähigkeit, emotionale Räume zu halten, ohne sie vorschnell zu strukturieren oder zu „reparieren“. So wächst Deine Präsenzkraft – und Deine Klient:innen werden diese Qualität spüren.
Was Du trainierst: Präsenz, Selbstwahrnehmung, Halten ohne Eingriff, Raumgeben.
Existenzielle Dimension: In der Stille zeigt sich Deine Freiheit, nicht sofort handeln oder reagieren zu müssen. Du übst, authentisch da zu sein – ohne Rolle, ohne Lösung, einfach als Mensch im Moment.
Praxis im Coaching: Du kannst gezielt Momente der Stille im Gespräch einbauen, z. B. nach einer emotionalen Aussage. Halte dann den Raum, ohne sofort zu intervenieren. Viele Klient:innen öffnen sich genau in dieser scheinbaren Leere.
Übung 2: Die Essenz im Blick
Diese Übung hilft Dir, Deine Fähigkeit zu schulen, inmitten vieler Worte und Beschreibungen den inneren Kern zu erfassen. Im Coaching ist es essenziell, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, nicht durch Analyse, sondern durch innere Klarheit. Es geht darum, dem Gesagten mit dem Herzen zu lauschen und der eigenen Intuition zu vertrauen.
So geht die Übung: Zu zweit beginnt eine Person, fünf Minuten lang über ein persönliches Thema zu sprechen. Die andere Person hört aufmerksam zu – ohne Mimik, ohne Kommentare, ohne Unterbrechung. Danach darf der/die Zuhörende eine einzige Frage stellen. Diese Frage soll den Kern berühren, nicht oberflächlich klären. Sie darf existenziell, offen oder konfrontierend sein – aber sie muss aus dem Hören kommen, nicht aus der Technik. Danach Rollentausch.
Lernziel und Wirkung: Du lernst, Dich ganz auf Dein Gegenüber zu fokussieren – ohne sofort aktiv werden zu müssen. Die Reduktion auf eine einzige Frage zwingt Dich zur Verdichtung: Was ist das Wesentliche? Was will hier gehört, was gesehen werden? Gleichzeitig erfährst Du, wie es ist, gehört zu werden – ohne Bewertung, ohne Lösung. Das schafft Resonanzräume, die heilsam und richtungsweisend sein können.
Was Du trainierst: Radikales Zuhören, Intuition, Verdichtung, Vertrauen in das Wesentliche.
Existenzielle Dimension: Du stärkst das Vertrauen in Deine eigene Wahrnehmung und die Essenz des Gegenübers. Damit verbindest Du Dich mit der Verantwortung, nicht alles wissen zu müssen – sondern dem zu folgen, was Bedeutung hat.
Praxis im Coaching: Wenn ein Gespräch ausfranst oder der/die Klient:in sich wiederholt, frage Dich innerlich: "Was ist hier der rote Faden?" Manchmal reicht eine einfache Frage, die tiefer geht als zehn kluge. Vertraue Deiner Intuition, um diesen Moment zu erkennen.
Übung 3: Das Unbequeme spiegeln
Diese Übung bringt Dich an die Schwelle zwischen Mitgefühl und Konfrontation. Sie stärkt Deine Fähigkeit, auch unangenehme oder schützende Muster beim Gegenüber anzusprechen – ohne sie zu bewerten. Im Zentrum steht Deine eigene Integrität: Kannst Du bei dem bleiben, was Du wahrnimmst, auch wenn es Spannung erzeugt?
So geht die Übung: In Dreiergruppen übernehmt Ihr abwechselnd die Rollen: Coach, Klient:in und Beobachter:in. Die Klient:in schildert ein Thema. Der Coach hört aufmerksam zu, achtet dabei aber auch auf indirekte Muster – z. B. übermäßiges Lachen, intellektualisierende Sprache, Rollenrhetorik („man muss halt“). Nach einer Weile benennt der Coach ein beobachtetes Muster achtsam, z. B.: „Mir ist aufgefallen, dass Du lächelst, wenn Du über eine schwierige Situation sprichst.“ Es folgen Rückmeldung der Klient:in und Feedback der beobachtenden Person.
Hinweis zur Haltung: Diese Übung kann starke emotionale Reaktionen auslösen. Wichtig ist, dass Du in der Benennung präsent und urteilsfrei bleibst. Du beschreibst, was Du beobachtest – nicht, was „richtig“ oder „falsch“ ist. Wenn Dein Gegenüber defensiv reagiert, bleibe im Kontakt, zeige Mitgefühl, aber weiche nicht aus. Authentische Spiegelung ist ein Geschenk, kein Angriff.
Lernziel und Wirkung: Du entwickelst Mut zur Wahrhaftigkeit – ohne Härte. Du lernst, Dinge anzusprechen, die unausgesprochen zwischen Euch wirken und möglicherweise blockieren. Gleichzeitig schulst Du Deine Fähigkeit, in Spannung präsent zu bleiben. Deine Klient:innen spüren, dass sie mit allem gesehen werden – auch mit dem, was sie selbst vermeiden. Das kann zutiefst entlastend und öffnend wirken.
Was Du trainierst: Wahrhaftigkeit, Präsenz unter Spannung, Resonanz ohne Urteil, klare Spiegelung.
Diese Übung berührt die Frage nach Authentizität: Kannst Du Dich zeigen – auch in der Spiegelung? Und erlaubst Du Deinem Gegenüber, ebenfalls ganz gesehen zu werden, auch dort, wo es unangenehm wird? Du übernimmst Verantwortung für das, was Du wahrnimmst.
Du kannst kleine Spiegelungen auch in Einzelsitzungen wagen, z. B.: "Ich merke, dass Du sehr sachlich bleibst, während Du von einem Schmerz erzählst." Wichtig ist, dass Deine Haltung dabei offen, wertfrei und respektvoll bleibt.
Fallbeispiele aus der existenziellen Coachingpraxis
Fall 1: Die innere Leere hinter dem Erfolg Eine 42-jährige Führungskraft kommt ins Coaching. Alles läuft: Karriere, Familie, Gesundheit. Und doch sagt sie: „Ich weiß nicht mehr, warum ich das alles tue.“ Als Coach fragst Du nicht nach neuen Zielen. Du bleibst beim Erleben: „Wie ist das, morgens aufzuwachen?“ „Was fehlt, obwohl alles da ist?“ Nach mehreren Sitzungen zeigt sich: Die Frau hat sich selbst verloren in der Rolle der Erfolgreichen. Die Arbeit besteht nicht in Optimierung, sondern in der Erlaubnis zur Selbst-Rückkehr. Der Wendepunkt ist kein neues Ziel, sondern ein stilles Eingeständnis: „Ich will mich wieder spüren.“
Dieser Fall zeigt, dass existenzielles Coaching nicht immer lösungsorientiert ist. Manchmal liegt die Kraft im Verlangsamen, im Verweilen beim Gefühl. Die Rückverbindung zum Selbst ist kein Ziel, sondern eine Bewegung nach innen – oft leise, manchmal schmerzhaft, immer bedeutsam.
Fall 2: Die überforderte Sinn-Sucherin Ein Mann, Mitte 30, will „mehr aus seinem Leben machen“. Doch je mehr Du fragst, desto diffusere Antworten bekommst Du. Schnell zeigt sich: Der Wunsch nach Sinn ist keine reife Bewegung, sondern eine Flucht vor der Leere. In der Sitzung erlaubst Du das Verstummen. Fragst: „Was in Dir hat Angst, dass da nichts ist?“ Der Mann bricht in Tränen aus. Erst jetzt beginnt das eigentliche Coaching: die Bereitschaft, nicht zu fliehen, sondern zu bleiben. Nicht in der Suche, sondern im Sein.
Hier zeigt sich, dass Sinnsuche nicht immer Ausdruck von Reife ist – sie kann auch eine Ausweichbewegung sein. Als Coach ist es Deine Aufgabe, die Leere nicht vorschnell zu füllen. In der Begleitung durch den Widerstand kann echte Reifung geschehen.
Fall 3: Die Rolle, die zu eng geworden ist Eine Mutter von drei Kindern sagt: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, außerhalb dieser Familie.“ Sie redet über Schuld, über Müssen, über Fremdbestimmung. Du fragst: „Was wäre, wenn Du nichts müsstest?“ Sie schweigt. Dann: „Ich würde tanzen.“ Der Satz ändert alles. Von hier aus beginnt der Weg zur Selbstbindung. Nicht durch Trennung von der Familie, sondern durch eine neue Selbstverantwortung innerhalb der Rolle.
In Rollenmustern können wir uns verlieren – oder uns neu finden. Coaching kann der Raum sein, in dem alte Selbstbilder sich lockern dürfen. Der Satz „Ich würde tanzen“ war keine Lösung, sondern ein Lebenszeichen – eine leise Rückkehr zur inneren Freiheit.
4. Was Fallbeispiele lehren – und was nicht
Fallbeispiele können inspirieren – aber sie dürfen niemals als Blaupause verstanden werden. Jeder Mensch, jede Begegnung, jede Lebensgeschichte ist einzigartig. Was bleibt, ist nicht das „Wie“, sondern das „Wozu“: Coaching ist ein Ort der Rückbindung an das Wesentliche. Die Fälle zeigen nicht, was Du tun musst. Sie zeigen, was möglich wird, wenn Du wahrhaft da bist. Manchmal bedeutet das: weniger tun. Manchmal: tiefer fragen. Und manchmal: einfach bleiben. Du wirst in Deiner Praxis auf Widerstand stoßen, auf emotionale Lähmung, auf das Ringen um Worte. All das ist Teil des Weges. Nicht als Problem, sondern als Einladung zur Tiefe.
5. Die Praxis als Weg der Selbstwerdung
Was in dieser Lektion aufscheint, ist mehr als berufliche Kompetenz. Es ist eine Lebenspraxis. Als existenzieller Coach wirst Du nie „fertig“ sein. Du wirst immer wieder selbst an Grenzen kommen: Deiner Wahrnehmung, Deines Wissens, Deines Herzens. Doch genau das ist der Weg. Wenn Du bereit bist, auch im Coachingprozess Lernender zu bleiben, dann wirst Du zur Resonanzfigur für Deine Klient:innen. Sie spüren, dass Du nicht über das Leben sprichst, sondern aus ihm heraus. Deine eigene Tiefe ist Deine Wirksamkeit. Nicht als Pose, sondern als stille Kraft.
Übung zum Abschluss: Deine eigene Fallvignette
Nimm Dir Zeit und erinnere Dich an einen Coachingprozess, der Dich besonders bewegt hat – als Coach oder als Coachee. Beschreibe in freier Form:
- Was war das Anliegen?
- Welche Atmosphäre prägte die Sitzungen?
- Gab es einen Wendepunkt? Wenn ja: Welcher Satz, welches Schweigen, welche Geste veränderte etwas?
- Was hast Du über den Menschen gelernt? Was über Dich selbst?
Optionaler Aufbau zur Orientierung:
- Szene und Kontext
- Dilemma oder Wendepunkt
- Intervention oder Moment der Wahrheit
- Wirkung und Nachklang
Wenn Du möchtest, gib dieser Vignette einen Titel. Sie ist keine Fallstudie. Sie ist eine Erinnerung an das, was Coaching sein kann, wenn es existenziell wird: Ein Raum für Wahrheit, Begegnung und innere Bewegung.