Psychologische Grundlagen für Coaches

Die Landkarte ist nicht das Gebiet

Jeder von uns hat eine bestimmte Vorstellung von der Welt, beeinflusst und entstanden durch individuelle Annahmen, eigene Erfahrungen, Metaphern und Glaubenssätze. Im NLP nennt man diese spezifische Repräsentation der Welt die eigene mentale Landkarte oder das Modell der Welt. Es kommt oft zu Problemen in der Kommunikation zwischen zwei Menschen, da sich ihre mentalen Landkarten nicht oder nur wenig überschneiden, und sie somit nicht von (exakt) demselben Thema reden. Gerade im Coaching und der Therapie ist es wichtig, die mentale Landkarte des Klienten zu respektieren. Der Coach muss sich vorsehen, nicht seine eigenen Annahmen unbewusst dafür zu verwenden, die mentale Landkarte des Klienten nachzubilden, anstatt den Klienten selbst seine Welt beschreiben zu lassen. Wird der Klient nämlich durch eine Frage vom Coach von seiner eigenen Gefühls- und Gedankenwelt abgelenkt, verfälscht sich das Ergebnis der Schilderung.

Der Empfänger definiert die Botschaft

Mit diesem Prinzip ist gemeint, dass unabhängig davon, was ich als Sender einer Botschaft beabsichtige, der Empfänger diese Information auspackt und nach seiner Landkarte interpretiert. Wenn ich als Coach zum Beispiel eine Frage stelle und die Antwort des Coachee ist: „Warum müssen Sie mich immer so nerven?“ Dann wäre eine nicht sehr zieldienliche Antwort: „Ich habe doch nur eine Frage gestellt, um sie besser zu verstehen.“ Je nach Kontext wäre es vielleicht besser zu sagen: „Danke für Ihr Feedback, dass ich Sie gerade nerve, das ist nicht meine Absicht. Meine Absicht war...“.

Übertragung und Gegenübertragung

Der Begriff der Übertragung stammt aus der Psychoanalyse und bezeichnet den Vorgang, dass ein Mensch alte Gefühle, Affekte, Erwartungen (insbesondere Rollenerwartungen), Wünsche oder auch Befürchtungen aus der Kindheit unbewusst auf neue soziale Beziehungen überträgt und reaktiviert. Die Übertragung des Therapeuten bzw. des Coaches wird dann als Gegenübertragung bezeichnet. Dadurch können wir unseren Körper auch als Resonanzkörper sehen, der uns Feedback darüber geben kann, was sich im Klienten abspielt. Die eigenen Phantasien zur Übertragung des Klienten müssen natürlich überprüft werden und sollte nicht als allgemeine Wahrheit ausgesprochen werden.

Assoziation und Dissoziation

Assoziiert

Eine Erfahrung aus dem eigenen Körper heraus erleben. Durch die eigenen Augen sehen, mit den eigenen Ohren hören usw. Erlebt man eine Erinnerung assoziiert, so erinnert man sich an die entsprechende Situation, als würde man sie aus seinem eigenen Körper heraus erleben. Man kann von sich selbst das Gesicht nicht sehen bzw. ist man voll drin in der Situation und erlebt die entsprechende Situation stärker emotional, als wenn man es dissoziiert erlebt.

Dissoziiert

Meint, dass man eine Erfahrung mit Abstand betrachtet. Zum Beispiel indem man sich in der Erfahrung von außen sieht oder indem man sich auf einen Stuhl stellt und die Erfahrung so mit mehr Abstand erleben kann. Dissoziierte Erfahrungen und Erinnerungen sind in der Regel weniger stark emotional konnotiert wie assoziierte Erfahrungen.

Seitenmodell / Teilemodell

Das Seitenmodell oder auch Teilemodell besagt, dass wir aus vielen Teilpersönlichkeiten bestehen, die in erzwungener Verwandtschaft unter derselben Haut miteinander leben. Jeder Teil versucht, sein eigenes Ziel zu erreichen. Je mehr diese Teile miteinander verbunden werden können und in Harmonie zusammenarbeiten, um so glücklicher wird der Mensch sein. Oft gibt es aber Konflikte zwischen den Teilen, gleichzeitig gehen wir aber auch davon aus, dass jeder Teil eine positive Absicht für uns hat.

In unserer Sprache finden wir Hinweise auf verschiedene innere Anteile:

  • einerseits - andererseits
  • etwas in mir bremst mich
  • In dem Moment war ich nicht ich selbst
  • zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust
  • ja, aber


Systemisch-Zirkuläres Denken

Die systemische Therapie und Beratung beschäftigt sich hauptsächlich mit der Deutung von Beziehungswirklichkeiten in einem interaktionistischen System, z.B. der Familie. Weg von dem kausalen/linearen Ursache-Wirkungs-Modell, das einfache lineare Handlungsketten beschreibt, versucht die Systemtherapie Prozesse und Systeme in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen. In dieser systemischen Sichtweise werden Ursachen und Wirkungen von menschlichem Verhalten zirkulär aufgefasst.

Dabei wird u.a. auch das Täter-Opfer-Prinzip aufgebrochen. Viele Menschen erklären ihre Aktionen als Reaktionen auf das Verhalten anderer. Damit schieben sie jegliche Verantwortung und Schuld von sich. Das führt aber auch zu einem Ohnmachtsgefühl. Scheinbar unfähig in Situationen eingreifen zu können, da der andere als Ursache ihres Verhaltens angesehen wird und Macht über die Situation zu haben scheint, sehen sie sich in der Opferrolle. Die fehlenden Handlungsoptionen führen zu einer Stagnation und gleichzeitig zu einer Stabilisierung des vorhandenen Interaktionsmusters.

Aber alle menschlichen Regungen, wie z.B. Verhaltensweisen, Symptome, unterschiedliche Formen von Gefühlsausdrücken usw., können sowohl als im Menschen ablaufende Ereignisse als auch als Ausdruck von wechselseitigen Beziehungsdefinitionen betrachtet werden. D.h. jede menschliche Regung ist immer auch eine Botschaft von jemandem an jemanden („Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick)).

Betrachtet man nun beispielsweise als Außenstehender eine Familie zirkulär, so wird deutlich, dass jeder die Bedingungen für das Verhalten aller anderen mitbestimmt.

In manchen Fällen bestimmt zwar einer die Bedingungen mehr als umgekehrt, trotzdem kann man diese Tatsache aber nicht auf eine berechenbare Ursache-Wirkungs-Beziehung reduzieren. Verhalten ist zugleich verursacht und verursachend. Dabei findet eine Entwicklung statt, die immer rückbezüglich/rekursiv ist. Diesen dynamischen Vorgang kann man sich bildlich als Spirale vorstellen, die sich stetig fortsetzt. Deckt man nun die Zirkularität auf und macht sie allen Beteiligten sichtbar, so schafft man neue Möglichkeiten der Beurteilung, und daraus folgend neue Handlungsmöglichkeiten. Das bedeutet, es wird „neue Information im System“ (Schlippe/Schweitzer 1998, S. 141) gestreut, durch die bei allen Beteiligten neue Sichtweisen und Denkprozesse angeregt werden. Alte, oft eingefahrene Denkmuster können aufgebrochen, und neue Lösungswege für Probleme beschritten werden.

Methodisch wird dies durch das zirkuläre Fragen besonders gefördert, ein Frageverhalten, das nie direkt ist, sondern eine Außenperspektive erfragt, die neue Sichtweisen in einen Beziehungskontext einführt.

Jedes Verhalten innerhalb eines Systems hat einen Sinn. Dieser Sinn wird in Bezug auf die wechselseitigen Beziehungsmuster innerhalb des Systems verstehbar. Jedes Verhalten ist im sozialen System als kommunikatives Angebot zu sehen.

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