Thema 1.2 - Geschichte und Entwicklung der hypnosystemischen Therapie
Die Ursprünge – zwei starke Wurzeln verbinden sich
Um die Geschichte der hypnosystemischen Therapie zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück auf die großen Strömungen, die diesen Ansatz geprägt haben. Auf der einen Seite die Hypnotherapie, die mit Milton H. Erickson eine völlig neue Ausrichtung bekam. Auf der anderen Seite die systemische Therapie, die den Blick vom Individuum auf ganze Beziehungssysteme erweiterte.
In den 1980er Jahren erkannte Gunther Schmidt, dass diese beiden Disziplinen nicht nur nebeneinander bestehen können, sondern sich geradezu ideal ergänzen. Er war es, der die Idee der hypnosystemischen Perspektive entwickelte und in den deutschsprachigen Raum brachte. Doch wie kam es dazu – und wer ist dieser Mann, der wie kaum ein anderer die Coaching- und Therapielandschaft im deutschsprachigen Raum beeinflusst hat?
Wer ist Gunther Schmidt? – Der Mensch hinter dem Ansatz
Dr. med. Gunther Schmidt wurde 1945 geboren und begann seine berufliche Laufbahn zunächst in der Medizin. Als Arzt sammelte er Erfahrungen in der klassischen Schulmedizin, spürte jedoch früh, dass der rein biologische Blick auf Krankheit und Gesundheit zu kurz greift. Ihn faszinierte die Frage, wie psychische, soziale und kontextuelle Faktoren in das Erleben und Verhalten von Menschen hineinspielen.
Schmidt studierte in den 1970er Jahren Medizin, begann jedoch parallel, sich mit psychotherapeutischen Verfahren zu beschäftigen. Besonders die damals noch „exotischen“ Ansätze der systemischen Familientherapie und der Hypnotherapie nach Milton Erickson zogen ihn in ihren Bann. Der Gedanke, dass Menschen nicht „defekt“ sind, sondern in Mustern agieren, die in bestimmten Kontexten durchaus Sinn ergeben, begeisterte ihn. Ebenso beeindruckte ihn die ericksonsche Idee, dass im Unbewussten bereits alle nötigen Ressourcen vorhanden sind – sie müssen nur zugänglich gemacht werden.
Prägende Einflüsse – die Schatzkiste der Methoden
Schmidt ist bis heute bekannt für seine Fähigkeit, über den Tellerrand zu schauen. Anders als viele Therapeuten seiner Generation legte er sich nicht auf eine Methode fest, sondern sammelte Erfahrungen in einer Vielzahl von Ansätzen:
- Hypnotherapie (nach Milton Erickson)
- Systemische Familientherapie (Mailänder Schule, Virginia Satir)
- Gestalttherapie
- Psychodrama
- Transaktionsanalyse
- Körpertherapie
Dieser breite methodische Hintergrund ermöglichte es ihm, übergeordnete Prinzipien zu erkennen, die in vielen dieser Verfahren wirken – insbesondere die Bedeutung von Aufmerksamkeitssteuerung, Kontextsensibilität und der gezielten Aktivierung von Ressourcen.
Die Geburtsstunde des hypnosystemischen Ansatzes
In den frühen 1980er Jahren begann Schmidt, diese Erkenntnisse systematisch zu verbinden. Seine Grundidee: Weder die innere Welt (unbewusste Prozesse) noch die äußeren Kontexte (Systemdynamiken) erklären für sich genommen das Verhalten eines Menschen vollständig – es ist die Wechselwirkung aus beiden Ebenen, die den Schlüssel zur Veränderung liefert.
Diese Sichtweise war revolutionär. Während klassische Hypnotherapeuten primär „innere Filme“ bearbeiteten und systemische Therapeuten meist mit dem sozialen Feld arbeiteten, verband Schmidt beide Welten:
- Innere Hypnoseprozesse beeinflussen die Art, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen.
- Gleichzeitig beeinflussen die Rückmeldungen aus der Umwelt, welche inneren Prozesse aktiviert werden.
- Veränderung kann daher auf beiden Ebenen ansetzen – und sie verstärken sich gegenseitig.
Schmidt als Lehrer und Botschafter
In den 1990er und 2000er Jahren wurde Schmidt nicht nur als Therapeut und Coach bekannt, sondern auch als begnadeter Lehrtrainer und Vortragsredner.
Er brachte dabei den hypnosystemischen Ansatz nicht nur in die therapeutische Szene, sondern auch in die Organisationsentwicklung, die Führungskräfteberatung und in die Arbeit mit Teams und Gruppen.
Gunther Schmidt veröffentlichte zahlreiche Fachartikel, Buchbeiträge und Monografien, darunter das Standardwerk „Liebesaffären zwischen Problem und Lösung“, das bis heute als eine der besten Einführungen in das hypnosystemische Denken gilt. Darin beschreibt er anhand zahlreicher Fallbeispiele, wie scheinbar festgefahrene Probleme durch eine gezielte Fokussierung auf unbewusste Kompetenzen und den Einbezug sozialer Dynamiken gelöst werden können.
Besonders betont Schmidt immer wieder:
„Die Haltung ist wichtiger als die Technik.“
Hypnosystemisches Arbeiten ist keine Sammlung von Tools – es ist eine Haltung der Neugier, Wertschätzung und Potenzialorientierung. Diese Haltung zieht sich durch alle seine Publikationen.
Übung – Deine eigene „Schmidt-Mindmap“
Anleitung:
Erstelle eine Mindmap mit dem Titel: Was inspiriert mich an Gunther Schmidt und dem hypnosystemischen Ansatz?
Nutze folgende Fragen als Impuls:
- Welche Aspekte von Schmidts Haltung sprechen mich besonders an?
- Wo erkenne ich Parallelen zu meiner bisherigen Arbeit oder meinem eigenen Entwicklungsweg?
- Welche seiner Prinzipien möchte ich selbst stärker in meine Praxis integrieren?
- Gibt es eine Situation, in der eine hypnosystemische Haltung für mich hilfreich gewesen wäre?
👉 Tipp: Nutze Farben, Symbole und Bilder – so wird die Mindmap nicht nur ein Arbeitsdokument, sondern eine kreative Reflexion.