Thema 2.2 – Die Haltung des Coaches

Haltung vor Technik

Gunther Schmidt betont immer wieder, dass die innere Haltung des Coaches oder Therapeuten weitaus wichtiger ist als die Technik, die er einsetzt. Warum? Weil die innere Haltung des Coaches die Art und Weise beeinflusst, wie er Fragen stellt, wie er Feedback gibt – und vor allem, wie er den Klienten sieht.

Die hypnosystemische Grundhaltung ist ressourcen- und potenzialorientiert:

Während problemorientierte Ansätze oft nach Defiziten suchen („Warum hast du dieses Problem?“), ist hypnosystemisches Coaching potenzialorientiert und richtet die Aufmerksamkeit auf vorhandene Fähigkeiten und bereits bewältigte Herausforderungen („Wie hast du es in der Vergangenheit geschafft, mit ähnlichen Situationen umzugehen?“).

Diese Potenzialorientierung ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem eine Frage der inneren Haltung des Coaches. Ein Coach, der fest davon überzeugt ist, dass der Klient grundsätzlich fähig ist, seine Herausforderungen zu meistern, wird:

  • seine Sprache anders wählen (ermutigend statt analysierend),
  • seine Fragen anders stellen (ressourcenorientiert statt problemzentriert),
  • und dem Klienten ein anderes Gefühl vermitteln (Selbstwirksamkeit statt Hilflosigkeit).

Die innere Haltung des Coaches beeinflusst also unmittelbar die innere Haltung des Klienten. Wer mit einer förderlichen, offenen und ressourcenorientierten Haltung coacht, gibt diese Haltung unbewusst weiter und unterstützt damit bereits eine Veränderung.

  • Jeder Klient trägt bereits alle Ressourcen in sich, die er zur Lösung seines Problems braucht.
  • Jedes Problem ist Ausdruck einer bisher ungenutzten Kompetenz.
  • Widerstände, Blockaden oder vermeintliche Defizite sind keine Hindernisse, sondern Hinweise auf unbewusste Kompetenzen, die in diesem Kontext (noch) nicht hilfreich erscheinen.

Der Coach stellt sich also nicht über den Klienten, sondern wird zu einem respektvollen Aufmerksamkeitsregisseur, der die Aufmerksamkeit des Klienten so lenkt, dass er seine eigenen Kompetenzen wiederentdeckt.

Aufmerksamkeitsfokussierungsmodell & Netzwerkmodell:

Ein zentraler Aspekt dieser Aufmerksamkeitslenkung ist das Aufmerksamkeitsfokussierungsmodell, das beschreibt, dass unsere Wahrnehmung maßgeblich davon beeinflusst wird, worauf wir unseren Fokus richten. Probleme entstehen häufig dadurch, dass sich Menschen unbewusst immer wieder auf belastende Gedanken, Emotionen oder Körperempfindungen konzentrieren. Der Coach unterstützt den Klienten dabei, diesen Fokus bewusst zu verschieben – weg von hinderlichen Mustern und hin zu ressourcenorientierten Perspektiven.

Das Netzwerkmodell ergänzt diesen Ansatz, indem es verdeutlicht, dass unser Denken, Fühlen und Handeln in einem dynamischen Netzwerk aus Erfahrungen, Erinnerungen und neuronalen Verknüpfungen eingebettet ist. Je häufiger der Klient problematische Aspekte gedanklich aktiviert, desto stärker werden diese neuronalen Verbindungen. Durch gezielte Musterunterbrechungen, also das bewusste Durchbrechen dieser gewohnten Denkpfade, können neue Verknüpfungen entstehen. Dies geschieht beispielsweise, indem der Klient sein Problem aus einer ungewohnten Perspektive betrachtet oder es mithilfe einer Metapher neu beschreibt.

Praktisch kann dies im Coaching folgendermaßen umgesetzt werden:

  • Der Klient wird eingeladen, sein Problem auf eine neue Art zu betrachten (z. B. „Wenn dein Problem ein Tier wäre, welches wäre es?“).
  • Durch gezielte Fragen wird die Aufmerksamkeit sanft auf Ressourcen gelenkt: „Was würde sich verändern, wenn du das Problem aus einer anderen Perspektive betrachtest?“
  • Der Coach steuert den Wechsel zwischen Problem- und Lösungsfokus, um das Erleben von Selbstwirksamkeit zu stärken.

Auf diese Weise hilft der Coach dem Klienten, sein Lösungsnetzwerk zu aktivieren und damit neue, konstruktive Perspektiven zu erschließen.

Das Seitenmodell – Vom Problem zur Lösung navigieren

Ein weiteres zentrales Konzept im hypnosystemischen Coaching ist das Seitenmodell, das dabei hilft, die innere Erlebniswelt des Klienten besser zu strukturieren. Es basiert auf der Idee, dass Erleben und Verhalten nicht statisch sind, sondern je nach Perspektive unterschiedlich wahrgenommen werden können.

Im Coaching wird zwischen drei Positionen unterschieden:

  1. Die Problemseite – Hier erlebt der Klient sein Problem unmittelbar, oft begleitet von Stress, Unsicherheit oder Hilflosigkeit.
  2. Die Lösungsseite – In dieser Position kann der Klient alternative Möglichkeiten erkennen und neue Handlungsoptionen entwickeln.
  3. Die Beobachter-Steuerposition – Diese Meta-Position ermöglicht es, sowohl die Problem- als auch die Lösungsseite bewusst wahrzunehmen und zwischen ihnen zu navigieren.

Der Coach unterstützt den Klienten dabei, sich nicht in der Problemseite zu verfangen, sondern durch gezielte Impulse in die Beobachter-Steuerposition zu wechseln. Von dort aus kann er einen Perspektivwechsel einleiten und Ressourcen auf der Lösungsseite aktivieren.

Eine bewährte Technik in diesem Zusammenhang ist die…

Problem-Lösungs-Metapher:

1. Der Klient wird gebeten, sein Problem als Bild oder Metapher zu beschreiben („Wenn dein Problem ein Ort/Tier/Pokemon/Pflanze…wäre, wo wärst du dann?“).

2. Explorieren: Hier wird das zuvor beschriebene Bild durch die VAKOG-Sinne erforscht, um eine tiefere emotionale Verankerung zu ermöglichen.

Fragen zur Exploration:

  • Visuell: „Wie sieht die Situation aus? Welche Farben oder Formen hat dein Bild?“
  • Auditiv: „Gibt es Geräusche, Stimmen oder Musik in dieser Szene?“
  • Kinästhetisch: „Wie fühlt es sich an, in diesem Bild zu sein? Gibt es bestimmte Körperempfindungen?“
  • Olfaktorisch & Gustatorisch: „Gibt es einen bestimmten Geruch oder Geschmack, der dazugehört?“

Sobald das Bild ausführlich beschrieben ist, kann die Beziehung zwischen Selbstbild und Problem erörtert werden:

  • „Wie siehst du dich selbst in diesem Bild? Welche Rolle hast du?“
  • „Gibt es eine Veränderung im Bild, wenn du dich anders siehst oder dich anders positionierst?“
  • „Welche Ressourcen oder Lösungen sind bereits in dieser Szene erkennbar?“

Durch diese Exploration wird das innere Erleben bewusst gemacht und kann gezielt verändert werden.

3. Pacing-Aussage: „So wie du das beschreibst, ist es doch verständlich, dass...“

Pacing bedeutet im Coaching, sich auf die Wahrnehmungswelt des Klienten einzulassen und seine Erlebensweise zu spiegeln. Dadurch fühlt er sich verstanden, was Vertrauen schafft und den Prozess der Veränderung erleichtert.

Mehr zum Thema Pacing, findest du später in der Lektion 6 dieses E-Kurses :)

4. Anschließend wird das Lösungsbild erarbeitet: „Wie würde ein Ort aussehen, an dem du dich wohlfühlst und das Problem gelöst ist?“

  • Durch diesen Prozess wird der Klient spielerisch dazu angeregt, sich aus seiner Problemtrance zu lösen und eine lösungsorientierte Haltung einzunehmen.

Das Seitenmodell verdeutlicht somit, dass der Klient nicht im Problem „gefangen“ ist, sondern aktiv zwischen verschiedenen Erlebnisräumen wechseln kann – eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige Veränderung.

Utilisationsprinzip – Nichts wird abgelehnt

Ein Schlüsselbegriff ist die Utilisation:

  • Alles, was der Klient mitbringt, wird genutzt – auch Widerstände, Zweifel, Blockaden oder scheinbare Sabotage.
  • Der hypnosystemische Coach arbeitet nicht gegen das System des Klienten, sondern mit ihm.

Ein Beispiel:
Ein Klient sagt: „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass mir dieses Coaching etwas bringt.“
Statt sich davon irritieren zu lassen, könnte der Coach sagen:
„Wunderbar, dass Sie schon eine klare Vorstellung davon haben, was Sie nicht erwarten. Vielleicht können wir genau diese Fähigkeit, so genau zu wissen, was Sie nicht wollen, nutzen, um herauszufinden, was Sie stattdessen möchten.“

Doch Achtung! Die Art, wie du als Coach über deine Klienten denkst, spiegelt sich nicht  nur in deiner Kommunikation wider – also in dem, was du sagst, sondern auch in deiner Mimik, Gestik und Tonalität. Hypnosystemisches Coaching geht davon aus, dass Kommunikation nicht nur auf der bewussten Ebene, sondern auch über unbewusste Prozesse stattfindet. Wenn die Worte eines Coaches nicht mit seiner inneren Haltung übereinstimmen, wird der Klient dies auf unbewusster Ebene spüren und möglicherweise nicht auf den Prozess vertrauen. Kongruenz in Verbaler und Non-verbaler Kommunikation ist daher eine wichtige Eigenschaften eines hypnosystemischen Coaches.

Selbsterfüllende Prophezeiungen in der Coaching-Haltung

Ein spannender psychologischer Effekt, der die Bedeutung der Coach-Haltung unterstreicht, ist der Pygmalion-Effekt. Dieser besagt, dass die Erwartungen, die eine Person an eine andere hat, deren Verhalten unbewusst beeinflussen können. Studien zeigen, dass Menschen, denen zugetraut wird, sich zu entwickeln, eher Fortschritte machen als diejenigen, von denen wenig erwartet wird.

Das bedeutet konkret: Wenn du als Coach felsenfest davon überzeugt bist, dass dein Klient in der Lage ist, sich zu verändern, wird diese Überzeugung seine Selbstwahrnehmung und sein Verhalten positiv beeinflussen. Umgekehrt kann eine defizitäre oder skeptische Grundhaltung den Prozess unbewusst sabotieren.

Systemische Selbstbeobachtung des Coaches

Ein hypnosystemischer Coach arbeitet nicht nur mit den Prozessen des Klienten, sondern reflektiert auch kontinuierlich seine eigene innere Haltung und deren Auswirkungen. Dies geschieht durch systemische Selbstbeobachtung:

  • Wie beeinflusst meine Haltung den Verlauf des Coachings?
  • Welche Erwartungen habe ich an diesen Klienten?
  • Welche unbewussten Annahmen steuern mein Verhalten in der Sitzung?
  • Was passiert in mir, wenn ich mit diesem Klienten arbeite?

Hypnosystemische Coaches betrachten nicht nur den Klienten als System, sondern auch sich selbst als Teil des Coaching-Systems. Diese Reflexionsfähigkeit ermöglicht es, sich selbst bewusst zu steuern und blinde Flecken in der eigenen Haltung zu erkennen.

📝 Reflexionsaufgabe: Vom Problembild zum Lösungsbild

Stell dir dein aktuelles Anliegen als Bild, Tier, Ort , Objekt etc… vor
Was wäre es?
Wo befindest du dich selbst darin – und wie fühlt es sich an, dort zu sein?

Jetzt stell dir vor, es gäbe eine Veränderung hin zur Lösung:
Wie sieht das neue Bild aus?
Wie fühlt sich dieser Ort, dieses Tier oder dieses Symbol jetzt an? Und wie geht es dir dort emotional?

✍️ Reflektiere schriftlich:

  • Welche Emotionen verbindest du mit dem Problembild – und welche mit dem Lösungsbild?
  • Was verändert sich in deiner inneren Haltung, wenn du ins Lösungsbild gehst?
  • Welche kleine Handlung im Alltag könnte dir helfen, dich emotional mehr mit dem Lösungsbild zu verbinden?
  • Welche innere Stärke oder Fähigkeit wird in deinem Lösungsbild sichtbar?

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