Thema 6.2 - Das Pendel
Pacing & Seeding kombinieren
Das hypnosystemische Pendel
Stell Dir ein Pendel vor, das zwischen zwei Polen hin- und herschwingt: Auf der einen Seite die Würdigung des aktuellen Erlebens (Pacing), auf der anderen Seite das behutsame Einladen zu neuen Perspektiven (Seeding). Genau dieses Prinzip macht das hypnosystemische Vorgehen so elegant: Wir wechseln bewusst zwischen einer empathischen Akzeptanz dessen, was gerade ist, und leisen Anstößen, dass es auch anders sein könnte.
Warum „Pendel“?
Weil es in einer Sitzung – oder sogar innerhalb weniger Sätze – häufig hin und her geht: Mal spiegelt man das Gegenüber in seinem Schmerz oder seiner Unsicherheit, mal legt man einen Samen für Veränderung. Dieses Hin und Her fühlt sich oft angenehm an, weil kein Radikalschlag entsteht, sondern ein einladendes „Vielleicht…“.
Beispiel: Lampenfieber
Nehmen wir an, Dein Gegenüber hat große Angst, vor vielen Leuten zu sprechen. Ein einfaches, aber starkes Pendel könnte so aussehen:
- Pacing: „Präsentieren fällt Dir wirklich schwer. Ich höre, wie viel Druck Du verspürst, wenn Du nur ans nächste Meeting denkst.“ Hier anerkennst Du das Problem offen und ohne Bewertung. Du sagst: „Ich sehe Deine Angst.“ Das schafft sofort Entlastung und Nähe.
- Seeding: „Und gleichzeitig stelle ich mir vor, wie Du da vorne stehst – vielleicht mit einem inneren Lächeln, das langsam aufsteigt, wenn Du spürst, dass Du sicher genug bist…“ Mit diesem zweiten Satz beginnst Du, eine andere Vorstellung zu wecken: eine Version, in der Dein Gegenüber sich bereits etwas sicherer, etwas entspannter fühlt. Du preschst nicht vor („Du wirst souverän sein!“), sondern malst ein vorsichtiges „Vielleicht-Bild“.
- Erneutes Pacing: „Natürlich ist das im Moment noch weit weg. Ich kann total verstehen, dass Du diese Sicherheit gerade noch nicht fühlen kannst…“ Du pendelst zurück zur Akzeptanz: „Ja, es ist verständlich, dass es Dir so geht.“ Auf diese Weise fühlt sich Dein Gegenüber nicht überfahren, sondern mitgenommen.
Dieses Hin und Her führt dazu, dass Dein Gegenüber innerlich mitgehen kann. Jedes Mal, wenn sich Widerstand regen könnte („Ne, so einfach ist das nicht“), nimmst Du ihn vorweg und validierst ihn erneut. Und jedes Mal, wenn Du merkst, es entsteht Raum, streust Du einen neuen Lösungsfaden ein.
Ziel des Pendelns
Das ultimative Ziel ist es, Deinem Gegenüber die Wahl zu lassen, ob und wann er oder sie den Schritt in Richtung Veränderung macht. Menschen nehmen Veränderungen gern an, wenn sie das Gefühl haben, selbstbestimmt zu handeln. Das Pendeln zeigt, dass Du keinerlei Zwang ausübst, sondern dass Du lieber einladend die Tür öffnest und dem Klienten die Zeit lässt, selbst hindurchzugehen.
Vereinfacht:
- Pacing: „Die Tür ist zu, und das ist in Ordnung.“
- Seeding: „Solltest Du sie öffnen wollen, ist das vielleicht gar nicht so schwer, wie es scheint.“
- Wieder Pacing: „Und wenn es sich noch nicht richtig anfühlt, kannst Du gern warten.“
Pendeln in der Praxis: Mobbingbeispiel
Angenommen, eine Klientin fühlt sich von einem Kollegen gemobbt. Sie beschreibt ihn als „unmöglichen Menschen“ und ist völlig frustriert. Ein Pendel könnte so aussehen:
- Pacing: „Ich höre, wie schwierig das ist, wenn jemand Dich bewusst falsch informiert, und Du dann vor dem Chef dumm dastehst. Das ist wirklich unfair.“
- Seeding: „Und trotzdem könnte es sein, dass Du irgendwann merkst, wie wenig Macht dieser Kollege eigentlich hat, wenn Du innerlich gelassen bleibst…“
- Pacing: „Natürlich verstehe ich, dass Dir das derzeit kaum vorstellbar erscheint. Wer würde da nicht wütend werden?“
- Seeding: „Manche Menschen entdecken allerdings, dass sie ihren Chef ganz sachlich informieren können, wenn sie sich nicht vom Ärger blenden lassen. Vielleicht könntest Du Dir sogar ausmalen, wie der Kollege guckt, wenn Du ganz ruhig bleibst…“
- Erneutes Pacing: „Aber klar, es ist noch ein Stück Weg dorthin. Niemand erwartet, dass Du das sofort abrufen kannst.“
Indem Du zwischen Mitgefühl und Zuversicht hin- und herschwingst, hilfst Du der Klientin, freiwillig neue Lösungsansätze zu entdecken.
Häufige Stolperfallen im Pendeln
- Zu viel Seeding, zu wenig Pacing:
Dann fühlt sich der Klient irgendwann „nicht mehr ernst genommen“ in seiner Not, weil Du ständig neue Möglichkeiten anbietest, ohne das Leid ausreichend zu würdigen. - Zu viel Pacing, zu wenig Seeding:
Dann drehen sich manche Gespräche nur noch um die Schwere des Problems – und man bleibt im Jammern stecken, ohne nach vorne zu schauen. - Fehlende Präsenz:
Wenn Du „mechanisch“ hin- und herschaltest, anstatt wirklich zuzuhören, kann der Klient das spüren. Achte auf Authentizität: Meinst Du es ernst, wenn Du Mitleid bekundest? Spürst Du selbst Zuversicht, wenn Du sie andeutest?
Das Pendel als Haltung
Das Pendeln ist letztlich mehr als eine Abfolge von Sätzen. Es ist eine innere Haltung der Geduld und Offenheit. Du gestehst Deinem Gegenüber die Zeit zu, in seiner Problemwelt zu verweilen, während Du gleichsam immer wieder kleine Türen öffnest. So werden selbst kritische oder skeptische Klient*innen oft neugierig: „Was wäre, wenn…?“
„Die Tür zur Lösung wird nicht aufgestoßen, sondern angelehnt – der Klient entscheidet, wann er sie öffnet.“
Mini-Übung: Dein eigenes Pendel gestalten
- Wähle ein Coachingthema (z. B. Perfektionismus, Konfliktangst, oder auch innere Unruhe).
- Formuliere 2–3 Pacing-Sätze, die wirklich die aktuelle Not des Klienten würdigen.
- Formuliere 2–3 Seeding-Sätze, die leise neue Optionen andeuten.
- Verknüpfe sie abwechselnd zu einer kleinen „Pendel-Geschichte“.
Achte darauf, zwischen den Absätzen kurz innezuhalten: Wie könnte es Dir an dieser Stelle gehen, wenn Du selbst in diesem Zustand wärst?
Beobachte, wie es sich anfühlt, wenn das Gespräch zwar empathisch ist, aber dennoch eine unterschwellige Einladung zum Perspektivwechsel enthüllt.
Analoges Markieren – nonverbale Seeding-Verstärker
Warum Körpersprache und Stimmlage entscheidend sind
Sprache ist viel mehr als die Worte, die wir benutzen. Die Art, wie wir etwas sagen oder zeigen, kann den Inhalt enorm verstärken oder abschwächen. Im Hypnosystemischen Coaching sprechen wir von analogem Markieren, wenn wir bestimmte Teile unserer Botschaft auf nonverbaler Ebene hervorheben. Während „digitale“ Kommunikation (die eigentlichen Wörter) das Bewusstsein anspricht, wirkt die „analoge“ Ebene (Tonfall, Gestik, Pausen) unbewusst und unmittelbar.
Analoge Markierung bedeutet, dass Du etwas an Deinem Ausdruck veränderst, sobald Du eine wichtige Stelle im Satz erreichst. Das kann eine leichte Senkung oder Hebung der Stimme sein, ein Blickkontakt, eine kurze Pause oder eine bestimmte Körperbewegung – Hauptsache, es ist spürbar anders.
Beispiele:
- Tonfall variieren
- Tiefer und langsamer werden, wenn Du eine Suggestion aussprichst.
- Leiser werden, um Intimität zu schaffen oder lauter, um Begeisterung zu signalisieren.
- Augenkontakt bewusst einsetzen
- Bei suggestiven Passagen den Blick halten, um Nähe zu erzeugen.
- Oder den Blick abweichen lassen, wenn Du Freiraum geben willst (z. B. bei einer sensiblen Idee).
- Gezielte Pausen
- Kurze Stille vor oder nach einem Schlüsselwort kann das Wort „aufleuchten“ lassen.
- Manchmal ist ein 3-Sekunden-Schweigen wirkungsvoller als eine lange Erklärung.
- Kleine Gesten
- Eine Handbewegung, als würdest Du etwas in die Erde legen (Seeding!).
- Ein Kopfnicken an der Stelle, an der Du Zuversicht ausdrücken willst.
Warum analoges Markieren so effektiv ist
Das Unbewusste nimmt Stimmvariationen und Gesten sehr schnell wahr – oft schneller als Worte selbst. Viele Coaches berichten, dass ihre Klient*innen sich an bestimmte Sätze erinnern, weil die nonverbale Begleitung hängen blieb. Es ist, als würde der Körper sagen: „Hier, schau mal genau hin – das ist für Dich gedacht!“
Aber Achtung: Analoges Markieren sollte stimmig sein. Wenn Du zu übertrieben betonst oder spürbar künstlich wirkst, verliert es an Kraft. Letztlich braucht es Feingefühl und Kongruenz: Was Du sagst, wie Du es sagst und warum Du es sagst, sollte harmonieren.
Hypothetische Fragen als einfachste Seeding-Form
Die Kraft des „Was wäre, wenn…?“
Hypothetische Fragen sind im hypnosystemischen Repertoire echte Juwelen: Sie laden den Klienten dazu ein, seine gewohnte Denkbahn verlassen zu dürfen – ohne sich gleich auf etwas festzulegen. Dieser Freiraum macht sie so wertvoll.
Beispiele
- „Was wäre, wenn Du plötzlich merken würdest, dass Du bereits wichtige Schritte getan hast?“
- „Mal angenommen, es gäbe da schon eine Idee in Dir – wie würde sie sich anfühlen?“
- „Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du rückblickend feststellst, dass Du an dieser Stelle gewachsen bist?“
All diese Fragen formen innere Bilder. Das Gehirn beginnt, Zukunftsszenarien durchzuspielen. Besonders Menschen, die in Problemtrancen gefangen sind, erleben durch hypothetische Fragen oft den ersten Lichtblick: „Ah, vielleicht kann es auch anders sein.“
Warum wirken hypothetische Fragen so gut?
- Kein Widerstand
Wenn Du direkt sagst: „Du kannst das!“, könnte es sein, dass der Klient innerlich „Nein!“ denkt. Mit „Was wäre, wenn…?“ öffnest Du nur eine Tür. Der Klient kann sie betreten oder nicht – kein Zwang. - Aktivierung der Vorstellungskraft
Hypothetische Fragen sprechen den Teil unseres Geistes an, der spielerisch und kreativ ist. Das starre Katastrophendenken bekommt Konkurrenz in Form von „Vielleicht…“. - Erlaubnis zum Ausprobieren
Wer eine hypothetische Frage beantwortet, probiert im Kopf bereits Lösungswege aus. Oft entstehen spontan Aha-Effekte, weil der Klient etwas Neues formuliert, das er vorher nicht sah.
Praxis-Tipp: Variiere Deine Fragen
Statt immer nur „Was wäre, wenn…?“, könntest Du sagen:
- „Stell Dir vor, Du bist in einem Film – was würde Dein Held tun?“
- „Nimm mal an, Du könntest heute Abend schon spüren, dass das Problem kleiner wird…“
- „Wie würde Dich Dein zukünftiges Ich beraten, wenn Du es fragen könntest?“
Je kreativer Du dabei bist, desto mehr Spaß
Sprachliche Differenzierung: Seitenmodell als Seeding-Instrument
Vom Urteil zum Erleben – „Eine Seite von mir…“
Es ist ein riesiger Unterschied, ob jemand sagt: „Ich bin unfähig“ oder „Eine Seite von mir fühlt sich unfähig“. Die zweite Formulierung entidentifiziert – sie erlaubt Dir, Dich selbst nicht als ganz und gar unfähig zu definieren, sondern nur einen Anteil von Dir, der sich so erlebt.
Im hypnosystemischen Coaching ist das Seitenmodell eine beliebte Form, genau dieses Seeding zu betreiben: Du bietest dem Gegenüber konsequent an, sein Erleben in „Seiten“ zu gliedern. Damit nimmst Du keinen Inhalt weg, aber Du veränderst die Perspektive.
Vorteile dieser Differenzierung
- Reduzierte Identifikation: Das Problem wird nicht mehr zur Identität („Ich bin das Problem“), sondern zu einem Teil des Erlebens.
- Neue Perspektiven: Wenn ein Teil ängstlich ist, kann ein anderer Teil vielleicht mutig sein. Dieses Bewusstsein öffnet Handlungsspielräume.
- Leichtes Seeding: Indem Du immer wieder solche Formulierungen nutzt, übernimmst Du subtil das Reframing. Die Klient*in merkt oft gar nicht, dass sie beginnt, genauso zu sprechen: „Ja, eine Seite in mir…“
Praktischer Tipp: Wiederholung macht den Unterschied
Wenn Du diese sprachliche Differenzierung konsequent anwendest – egal ob der Klient sich „schwach“ nennt oder „gestresst“ oder „unsicher“ – wirst Du erleben, wie schnell sie übernommen wird. Es genügt nicht, das einmal zu sagen. Wiederhole es in gleicher oder ähnlicher Form, so lange, bis es sich „natürlich“ anfühlt.
Beispiel:
- Klient: „Ich bin echt total unfähig in Präsentationen.“
- Coach: „Eine Seite von Dir erlebt sich in Präsentationen also als unsicher. Wie würde das auf die anderen Seiten wirken?“
- Klient (später): „Ja, also diese eine Seite in mir hat halt voll Angst…“