Thema 6.4 - Praxis und Anwendung

Varianten & Anwendung im Coaching – Drei Wege, Pacing & Seeding lebendig werden zu lassen

1. Dialogisch – im direkten Gesprächsfluss

Im Regelfall nutzt Du Pacing und Seeding mitten im Gespräch, während Dir der Klient seine Themen schildert. Du hörst aufmerksam zu, pacest das Erleben – indem Du z. B. nachvollziehst, wie belastend oder verwirrend die Situation sein kann – und beginnst dann, unauffällig Seeding-Elemente einzuweben.

  • Wie das aussehen kann:
    Ein Klient berichtet Dir von seiner Unsicherheit im Job. Du zeigst empathisch Verständnis dafür, wie er sich in Meetings gestresst fühlt (Pacing). Während er weiter erzählt, nutzt Du Gelegenheit, kleine Seeding-Fragmente einzustreuen: „Vielleicht ist es gar nicht nötig, gleich alles perfekt zu machen, sondern erstmal nur diese kleinen Schritte zuzulassen…“
  • Warum das hilfreich ist:
    Der Klient merkt nicht, dass Du „etwas mit ihm machst“; er spürt lediglich, dass sein Problem ernst genommen wird, während Du ihm sanft neue Denkwege aufzeigst. Dadurch bleibt das Gespräch organisch.
  • Besonderes Augenmerk:
    Achte auf Timing und Resonanz: Wenn der Klient gerade tiefe Emotionen ausdrückt, bleib in der Pacing-Haltung. Wenn Du das Gefühl hast, er habe Luft, streue ein Seeding-Moment ein.

2. Monologisch – ein Mini-Impuls im „geschützten Raum“

Manchmal macht es Sinn, eine kleine Monolog-Passage einzulegen: Du sprichst dann ein bis zwei Minuten mehr oder weniger am Stück, während Dein Gegenüber lauscht.

  • Wann das sinnvoll ist:
    • Bei starker Emotionalität: Wenn der Klient z. B. gerade sehr aufgewühlt ist, kann Dein Monolog als beruhigender „Erzählfluss“ wirken.
    • Um eine Metapher oder eine kurze Geschichte einzubringen, ohne unterbrochen zu werden.
    • Wenn Du merkst, der Klient braucht einen Moment, in dem er sich zurücklehnen darf, anstatt aktiv zu antworten.
  • Wie Du es umsetzt:
    • Du kannst z. B. sagen: „Lass mich kurz eine kleine Geschichte erzählen, die mir gerade in den Sinn kommt …“
    • Oder Du leitest es mit Pacing ein: „Ich höre, wie viel Schmerz da ist. Vielleicht darf ich Dir kurz erzählen, was mir zum Thema ‚innere Kräfte‘ einfällt …“
  • Vorsicht:
    Achte darauf, nicht in einen Dozentenmodus zu verfallen. Ein guter Monolog ist kurz, bildhaft und gibt Raum für Eigeninterpretation. Sobald Du merkst, Dein Gegenüber wird unruhig, solltest Du wieder den Dialog suchen.

3. Kombiniert mit Embodiment – Sprache trifft Körpererleben

Embodiment heißt: Was wir fühlen, denken und sagen, drückt sich im Körper aus – und umgekehrt können körperliche Veränderungen unser inneres Erleben beeinflussen. Indem Du Pacing & Seeding mit Embodiment koppelst, schaffst Du eine besonders tiefgehende Erfahrung.

  • Wie das praktisch aussehen kann:
    1. Pacing im Körper: „Ich sehe, wie Du nach vorn gebeugt sitzt, mit nach unten gerichtetem Blick … es klingt wirklich so, als ob die Last Dich runterdrückt.“
    2. Seeding mit körperlichem Fokus: „Was würde sich verändern, wenn Du einmal tief einatmest, Dich ein bisschen aufrichtest … und vielleicht entdeckst, dass da mehr Sicherheit in Dir steckt, als Du ahnst?“
  • Warum das so kraftvoll ist:
    • Der Körper spürt den Suggestionen nach. Wenn Du etwa das Wort „sicher“ tiefer oder ruhiger betonst (analoges Markieren), während der Klient sich aufrichtet, verbinden sich Körper und Geist zu einer neuen Erfahrung.
    • Der Klient entdeckt, dass sich sein Gefühl ändert, sobald er seine Haltung ändert. Damit entsteht ein unmittelbarer Aha-Effekt: „Ich kann ja etwas tun!“
  • Tipp:
    Lass Dir Zeit, den Körperzustand Deines Klienten zu beobachten. Sind die Schultern gespannt? Ist die Atmung flach? Nutze Seeding-Sätze, die auf eine Kontrast-Erfahrung hinweisen: „Manche Menschen merken, wie sie aufatmen, sobald sie den Brustkorb öffnen und den Blick heben …“

Abgrenzung der Begriffe – eine kurze Zusammenfassung

BegriffBedeutung
PacingDie Realität des Gegenübers anerkennen, empathisch spiegeln.
LeadingZielgerichtetes Führen, bewusst oder unbewusst.
SeedingVeränderungsimpulse gezielt einstreuen – mehrmals, in feinen Variationen.
Analoges MarkierenNonverbale Hervorhebung wichtiger Inhalte (Stimme, Gestik, Pausen).
PreframingIntervention durch bewusste Vorbereitung einleiten, damit sie als sinnvoll erlebt wird.
Priming„Vor-Bahnung“ über unbewusste Reize (wissenschaftlich fundiert), die das Erleben beeinflussen.

Diese Begriffe greifen ineinander. Du kannst eine Intervention vorbereiten (Preframing), sie mit Pacing einleiten, Seeding-Akzente setzen, wichtige Schlagworte analog markieren und damit ein neues Bewusstsein „primen“. In der hypnosystemischen Welt verschmelzen solche Tools oft zu einem ganzheitlichen Vorgehen.


Abschluss-Übung

Zum Schluss lade ich Dich ein, Dein neu gewonnenes Wissen direkt auszuprobieren.

  1. Wähle ein Coaching-Thema
    Denk an etwas aus Deiner Praxis oder ein eigenes, kleines Thema (z. B. Selbstzweifel, Stress, Lampenfieber).
  2. Formuliere 3 Pacing-Sätze
    Sieh das Problem, anerkenne es, würdige es.
  3. Schreibe 3 hypothetische Seeding-Fragen
    Öffne gedankliche Räume (z. B. „Was wäre, wenn Du entdeckst…?“).
  4. Erstelle eine Seeding-Sequenz mit Pendelstruktur
    (Pacing → Seeding → Pacing). Achte dabei auf ein natürliches Hin- und Her, ganz ohne Druck.
  5. Finde 1 Satz, den Du analog markieren möchtest
    • Beschreibe genau, wie Du Stimme, Pausen oder Gestik einsetzt.
    • Probiere es laut aus (am besten vor dem Spiegel oder mit einer Übungspartner*in).

Zusatztipp:
Lies Dir Deine Mini-Sequenz laut vor und beobachte, wie Du Dich dabei fühlst. Gibt es ein inneres Aufatmen, ein Gefühl von Leichtigkeit, Neugier oder sogar Widerstand? Erkunde selbst, was in Dir passiert. So lernst Du, Deine Interventionen noch feinfühliger an Deine Klient*innen anzupassen.

Vertrag widerrufen