2. NLP-Axiome und Vorannahmen im Coaching
Einführung in NLP und Axiome im Coaching
In der Arbeit als Paar- und Familiencoach spielt das Verständnis von NLP eine wichtige Rolle. NLP basiert darauf, dass wir Menschen unsere Weltwahrnehmung durch sprachliche und gedankliche „Programme“ formen, die uns helfen, unsere Realität zu strukturieren und Entscheidungen zu treffen. Diese Programme bestehen oft aus Vorannahmen oder „Axiomen“ – Grundannahmen, die nicht unbedingt wahr sein müssen, aber hilfreiche Orientierung bieten können.
Ein Axiom ist dabei eine Annahme, die wir als „wahr“ betrachten, um unsere Arbeit zielgerichtet zu gestalten. Im Coaching lassen sich solche Axiome als flexible Werkzeuge einsetzen: Sie müssen nicht „bewiesen“ werden, sondern dienen als hilfreiche Hypothesen, die es uns ermöglichen, kreativ und lösungsorientiert zu arbeiten. Vorannahmen im Coaching helfen uns also dabei, in die Perspektive des Klienten einzutauchen und seine Lebenswirklichkeit zu verstehen.
Die Kraft der Vorannahmen im Coaching
Vorannahmen können für den Coaching-Prozess sehr kraftvoll sein. Anstatt zu versuchen, die „Wahrheit“ hinter den Aussagen eines Klienten herauszufinden, nehmen wir seine Äußerungen als Hilfsmittel, um sein Verhalten und seine inneren Prozesse besser zu verstehen. Wenn ein Klient zum Beispiel fest daran glaubt, dass „er niemals glücklich sein kann“, hinterfragen wir nicht die Wahrheit dieser Aussage, sondern nutzen sie als Ausgangspunkt. Eine Vorannahme könnte hier sein: „Was, wenn es möglich wäre, dass Dein Glück von Deiner eigenen Einstellung abhängt?“ Solche Fragen öffnen neue Türen und zeigen dem Klienten mögliche neue Perspektiven auf.
Beispiel: Ein Klient erzählt, dass „niemand ihn versteht“ und er sich deshalb häufig unverstanden und isoliert fühlt. Statt diese Aussage infrage zu stellen, kannst Du die Vorannahme verwenden, dass „Verständnis auch von der eigenen Bereitschaft abhängt, sich mitzuteilen“. Durch diese Hypothese lenkst Du den Fokus auf eine veränderbare Situation – in diesem Fall auf die Kommunikationsgewohnheiten des Klienten.
Umgang mit unveränderbaren Strukturen vs. veränderbaren Inhalten
Ein wichtiges Konzept im NLP und in der Coaching-Arbeit ist die Unterscheidung zwischen „Struktur“ und „Inhalt“:
- Struktur bezeichnet die Grundannahmen und Überzeugungen, die ein Klient als „unveränderbar“ sieht. Struktur beschreibt alles, was der Klient als „feste Realität“ erlebt, wie zum Beispiel tiefe Glaubenssätze oder Lebenserfahrungen, die fest verankert sind.
- Inhalt dagegen ist alles, was sich durch Veränderungen im Verhalten oder in der Einstellung des Klienten beeinflussen lässt.
Für Dich als Coach bedeutet das, mit dem Klienten zu arbeiten, ohne seine Struktur infrage zu stellen. Stattdessen widmest Du Dich den veränderbaren Inhalten. Wenn ein Klient etwa davon überzeugt ist, „kein Talent zu haben“, dann bleibt dieser Glaubenssatz erst einmal als Struktur bestehen. Du hinterfragst ihn nicht, sondern lenkst das Gespräch darauf, welche konkreten Schritte der Klient unternehmen könnte, um neue Fähigkeiten zu entwickeln.
Der Nutzen von „So-tun-als-ob“-Axiomen
Ein weiteres mächtiges Werkzeug im NLP-Coaching sind sogenannte „So-tun-als-ob“-Hypothesen. Dabei nehmen wir eine Annahme als „wahr“ an, ohne sie zu hinterfragen, um kreative Denkprozesse anzustoßen. Dieser Ansatz hilft dem Klienten, seine eigenen Möglichkeiten und Ressourcen neu zu entdecken, indem er in eine veränderte Perspektive „hineinschlüpft“.
Beispiel: Stell Dir vor, ein Klient äußert, dass „er immer wieder dieselben Fehler macht und es wohl niemals besser wird“. Eine hilfreiche Hypothese könnte hier sein: „Was, wenn es möglich wäre, dass Du aus jeder Erfahrung etwas lernen kannst, um das nächste Mal anders zu handeln?“ Diese Vorannahme öffnet dem Klienten eine neue Möglichkeit, seine eigenen Handlungen und Entscheidungen zu hinterfragen und zu verbessern.
Übung: Eigene Vorannahmen formulieren und testen
Das Verständnis und der flexible Umgang mit Vorannahmen kann eine Herausforderung sein. Diese Übung hilft Dir dabei, mit eigenen Vorannahmen zu experimentieren und herauszufinden, welche Wirkung sie auf Deine Gedanken und Emotionen haben.
Übungsschritte:
- Wähle eine Situation aus, die Dir unangenehm oder schwierig erscheint.
- Formuliere eine positive Vorannahme, die Dir hilft, diese Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Beispiel: „Wenn ich die Situation akzeptiere, werde ich klarer sehen, wie ich sie meistern kann.“
- Reflektiere im Anschluss, ob Dir diese Vorannahme geholfen hat, die Situation besser zu verstehen oder zu bewältigen. Notiere Dir Deine Erkenntnisse.
Durch solche Übungen wirst Du zunehmend lernen, wie Du als Coach mit unterschiedlichen Vorannahmen arbeiten kannst, um Klienten zu unterstützen, sich in neuen Denkmustern auszuprobieren.
Anwendung im Coaching-Alltag
Im Coaching hilft Dir das Arbeiten mit Vorannahmen und Hypothesen dabei, Lösungsräume zu öffnen und den Klienten durch gezielte Perspektivwechsel zu unterstützen. Diese Methodik gibt Dir die Möglichkeit, herauszufinden, welche Alternativen und Möglichkeiten dem Klienten tatsächlich zur Verfügung stehen. Da der Inhalt (also die innere Haltung und das Verhalten) formbar ist, kannst Du ihn dazu ermutigen, selbst die Verantwortung für Veränderungen zu übernehmen, anstatt darauf zu warten, dass sich äußere Umstände anpassen.
Beispiel: Ein Paar, das unter wiederkehrenden Kommunikationsproblemen leidet, könnte von der Vorannahme profitieren, dass „jeder Gesprächspartner eine eigene Perspektive und eigene Bedürfnisse hat, die es zu respektieren gilt“. Auf diese Weise könntest Du das Paar dazu anregen, empathischer aufeinander zuzugehen und Konflikte weniger auf die „Schuldfrage“ zu reduzieren.