Beißhemmung

Der Begriff „Beißhemmung“ stammt ursprünglich aus der Tierwelt: Hunde beißen nicht zu, wenn sie spielen, selbst wenn sie es könnten. Auch wir Menschen haben diese Hemmung – wir wollen andere nicht verletzen, schon gar nicht im Coaching.

Doch im provokativen Coaching gilt es, diese Hemmung ein Stück weit zu überwinden. Der Coach nutzt bewusst kleine „Sticheleien“, Übertreibungen und ironische Zuspitzungen. Wichtig ist: Die Provokation kommt nicht aus Aggression, sondern aus einer liebevollen Haltung. Sie ist ein „spielerisches Knurren“, kein ernsthafter Biss.

Christians Stolpern

Christian erzählt: „Ich würde ja kündigen, aber ich kann einfach nicht.“
Der Coach nickt ernsthaft und sagt: „Ja, das stimmt. Manche Menschen sind einfach dafür geboren, unglücklich im Job zu bleiben. Du bist quasi der Marathonläufer des Leidens – niemand hält so lange durch wie Du!“
Christian schaut irritiert, dann lacht er laut. Der Spott tut nicht weh, weil er so übertrieben ist. Stattdessen erkennt Christian, wie absurd sein Muster wirkt – und spürt: Vielleicht ist es wirklich Zeit, etwas zu ändern.

Beißhemmung ist ein Begriff aus der provokativen Therapie, der die Angst beschreibt, den Klienten zu verletzen oder zu verärgern, indem man ihn provoziert. Viele Coaches haben Beißhemmung, weil sie befürchten, dass sie die Grenzen des Klienten überschreiten oder die Beziehung zu ihm gefährden könnten. Dabei vergessen sie oft, dass Provokation nicht gleich Aggression ist, sondern eine humorvolle und liebevolle Art, den Klienten herauszufordern und seine Ressourcen zu aktivieren.

Provokatives Coaching erfordert Mut, Spontaneität und Einfühlungsvermögen. Es geht nicht darum, den Klienten zu beleidigen oder zu demütigen, sondern ihm einen Spiegel vorzuhalten und ihn zum Lachen zu bringen. Lachen ist eine sehr heilsame Reaktion, die Stress abbaut, das Selbstwertgefühl stärkt und neue Perspektiven eröffnet. Wenn Du als Coach Beißhemmung hast, verpasst Du die Chance, diese positiven Effekte bei Deinem Klienten auszulösen.

Wie kannst Du also Deine Beißhemmung überwinden und Dich mehr an provokativen Coaching wagen?

Hier sind zwei Partner-Übungen, die Dir dabei helfen können:

Übung 1: Die Provokationskette

Diese Übung macht Ihr zu dritt. Zwei von Euch bilden als Coaches ein Team und Ihr wechselt Euch ab, einen fiktiven Klienten zu provozieren. Der Klient wird von einer dritten Person gespielt, der eine typische Problemstellung hat (z.B. mangelndes Selbstvertrauen, Konflikte im Job, Beziehungsprobleme etc.). Der erste Coach beginnt mit einer provokativen Aussage oder Frage, die den Klienten aufs Korn nimmt (z.B. "Du hast also kein Selbstvertrauen? Na klar, wer würde sich schon mit so einem Gesicht im Spiegel anfreunden wollen?"). Der zweite Coach macht dann weiter mit einer noch provokanteren Aussage oder Frage, die auf der ersten aufbaut (z.B. "Und wie schaffst Du es überhaupt, jeden Morgen aufzustehen? Ich würde mich an Deiner Stelle lieber im Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen."). Der Klient reagiert auf die Provokationen und zeigt seine Emotionen (z.B. Ärger, Trauer, Verwirrung etc.). Die Übung geht so lange weiter, bis der Klient entweder lacht oder sich wehrt. Das Ziel ist es, die eigene Hemmschwelle zu senken und zu spüren, wie viel Provokation der Klient verträgt.

Partner-Übung 2: Die Provokationspyramide

In dieser Übung arbeitest Du allein mit einem fiktiven Klienten, der von einem anderen Coach gespielt wird. Der Klient hat ebenfalls eine typische Problemstellung (siehe oben). Du beginnst mit einer harmlosen Aussage oder Frage, die das Problem des Klienten anspricht (z.B. "Du hast also Konflikte im Job? Wie äußert sich das denn?"). Dann steigerst Du Dich langsam in der Intensität Deiner Provokationen, indem Du immer schärfer und überspitzter formulierst (z.B. "Aha, Du bist also ständig im Streit mit Deinem Chef? Was machst Du denn falsch?"). Du achtest dabei auf die Reaktionen des Klienten und passt Deine Provokationen entsprechend an. Das Ziel ist es, eine optimale Balance zwischen Provokation und Empathie zu finden und den Klienten in einen Zustand zwischen Lachen und Weinen zu bringen.

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