„Unverschämt“ und frech

Unverschämt und frech - aber nie respektlos

Provokatives Coaching bedeutet, charmant Grenzen zu überschreiten. „Unverschämt“ meint: mutig, direkt, verspielt. Wichtig ist: Die Provokation bleibt stets im Rahmen der Wertschätzung.

Christians Spiegel

Der Coach sagt: „Christian, ich sehe schon. Du wartest einfach, bis das Universum Dir einen Brief schickt: ‚Lieber Christian, ab morgen wird alles besser.‘ Soll ich Dir einen schreiben?“
Christian grinst: „Das wäre schön.“
In dieser spielerischen Übertreibung erkennt er seine Passivität. Und weil es humorvoll geschieht, kann er darüber lachen, statt sich zu schämen.

Muss ich immer lustig sein?

Provokatives Coaching ist kein Comedy-Programm. Humor ist ein starkes Werkzeug – aber es muss situativ passen. In tiefen, verletzlichen Momenten braucht es oft Ruhe und Ernsthaftigkeit. Ein guter Coach spürt, wann Provokation öffnet – und wann sie schließen würde.

Ernsthafte Momente

Christian erzählt von einer schwierigen Erfahrung mit seinem Vater. Der Coach lächelt nicht, macht keinen Witz, sondern hört still und präsent zu. Christian spürt: Dieser Raum erlaubt sowohl Lachen als auch Ernsthaftigkeit. Genau das stärkt sein Vertrauen.

Unverschämtheit und Frechheit sind zwei wichtige Elemente des provokativen Coachings.

Sie dienen dazu, den Klienten aus seiner Komfortzone herauszulocken, ihn zu konfrontieren, zu provozieren und zum Nachdenken anzuregen. Dabei geht es nicht darum, den Klienten zu beleidigen oder zu verletzen, sondern ihm mit Humor und Wertschätzung einen Spiegel vorzuhalten und ihm seine eigenen Widersprüche, Ausreden und Schwächen aufzuzeigen. Das Ziel ist, dass der Klient sich selbst verteidigt, seine Ressourcen aktiviert und neue Perspektiven entdeckt.

Um unverschämt und frech zu sein, musst Du als Coach einige Regeln brechen, die sonst im Coaching gelten.

Zum Beispiel:

•  Du musst nicht immer neutral und objektiv sein, sondern kannst Deine eigene Meinung, Vorurteile und Klischees einbringen.

•  Du musst nicht immer empathisch und verständnisvoll sein, sondern kannst auch ironisch, sarkastisch und überspitzt sein.

•  Du musst nicht immer aufmerksam und interessiert sein, sondern kannst auch gelangweilt, abgelenkt oder genervt sein.

•  Du musst nicht immer den Klienten reden lassen, sondern kannst ihn auch unterbrechen, widersprechen oder ignorieren.

•  Du musst nicht immer lösungsorientiert sein, sondern kannst auch problemorientiert sein oder das Problem sogar noch vergrößern.

Natürlich solltest Du diese Regeln nicht immer und überall anwenden, sondern nur dosiert und situationsgerecht. Es ist wichtig, dass Du ein gutes Gespür für den Klienten hast und seine Reaktionen beobachtest. Wenn Du merkst, dass der Klient sich überfordert oder angegriffen fühlt, solltest Du einen Gang zurückschalten und ihm wieder mehr Unterstützung geben. Wenn Du merkst, dass der Klient sich amüsiert oder herausgefordert fühlt, kannst Du weitermachen und ihn noch mehr provozieren.

Um unverschämt und frech zu sein, brauchst Du auch eine gute Portion Mut und Selbstvertrauen. Du musst bereit sein, Risiken einzugehen und Dich selbst aufs Spiel zu setzen. Du musst auch damit rechnen, dass der Klient Dich zurückprovoziert oder kritisiert. Das ist aber kein Grund zur Sorge, sondern ein Zeichen dafür, dass der Klient sich wehrt und engagiert. Du solltest also nicht persönlich beleidigt oder verletzt sein, sondern Dich darüber freuen.

Um Dir ein Gefühl für die unverschämte und freche Art des provokativen Coachings zu geben, werden Dir nun zwei Partner-Übungen vorgestellt.

Partner-Übung 1: Der unverschämte Coach

In dieser Übung schlüpfst Du in die Rolle eines unverschämten Coaches, der einen Klienten mit einem Problem berät. Dein Partner spielt den Klienten. Das Problem kann real oder fiktiv sein. Deine Aufgabe ist es, den Klienten so unverschämt und frech wie möglich zu coachen. Dabei kannst Du folgende Techniken verwenden:

•  Übertreibe das Problem oder stelle es als lächerlich dar.

•  Gib dem Klienten die Schuld für das Problem oder mache Dich über seine Lösungsversuche lustig.

•  Stelle dem Klienten absurde Fragen oder unterstelle ihm absurde Motive.

•  Gib dem Klienten unmögliche Ratschläge oder fordere ihn zu unmöglichen Handlungen auf.

•  Zeige dem Klienten Dein Desinteresse oder Langeweile oder lenke Dich mit anderen Dingen ab.

Beispiele:

Klient: "Ich habe Angst vor Hunden."

Coach: "Ach was? Angst vor Hunden? Das ist ja lächerlich! Hunde sind doch so süß und lieb! Was hast Du denn für ein Problem? Bist Du etwa neidisch auf die Hunde, weil sie so viel Spaß haben?"

Klient: "Ich möchte abnehmen, aber ich schaffe es nicht."

Coach: "Na klar schaffst Du es nicht. Du bist doch viel zu faul und undiszipliniert. Du isst doch den ganzen Tag nur Fast Food und Süßigkeiten. Und Sport machst Du auch keinen. Was erwartest Du denn? Dass Du von alleine schlank wirst? Oder dass Dir jemand eine Wunderpille gibt?"

Klient: "Ich bin unglücklich in meiner Beziehung."

Coach: "Warum bist Du denn unglücklich? Ist Dein Partner zu nett zu Dir? Oder zu hässlich? Oder zu langweilig? Oder zu treu? Was willst Du denn? Einen anderen Partner? Oder gar keinen Partner? Oder mehrere Partner? Oder einen Partner vom anderen Geschlecht?"

Klient: "Ich habe Stress im Job."

Coach: "Ja, das glaube ich Dir. Du hast ja auch einen furchtbaren Job. Wer will schon den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und Akten sortieren? Oder Kunden bedienen und lächeln? Oder Maschinen reparieren und schrauben? Warum suchst Du Dir nicht einen anderen Job? Einen, der Dir Spaß macht. Zum Beispiel Clown oder Astronaut."

Klient: "Ich habe keine Freunde."

Coach: "Das wundert mich nicht. Du bist ja auch so langweilig und unsympathisch. Du hast ja auch keine Hobbys oder Interessen. Du sitzt ja nur zu Hause rum und guckst Fernsehen oder spielst Computerspiele. Wer will denn mit Dir befreundet sein? Warum gehst Du nicht mal raus und lernst neue Leute kennen? Zum Beispiel in einer Bar oder einem Verein oder einer Sekte."

Die Übung dauert etwa 10 Minuten. Danach wechselt Ihr die Rollen und macht die Übung nochmal mit einem anderen Problem.

Partner-Übung 2: Der freche Klient

In dieser Übung schlüpfst Du in die Rolle eines frechen Klienten, der von einem Coach beraten wird. Dein Partner spielt den Coach. Der Coach stellt Dir Fragen zu Deinem Problem oder Deinem Ziel und versucht, Dich zu unterstützen. Deine Aufgabe ist es, dem Coach so frech wie möglich zu antworten. Dabei kannst Du folgende Techniken verwenden:

•  Sei unhöflich oder respektlos gegenüber dem Coach.

•  Beantworte die Fragen des Coaches nicht oder nur unzureichend oder ausweichend.

•  Stelle die Kompetenz oder die Motive des Coaches in Frage oder mache Dich über ihn lustig.

•  Widerspreche dem Coach oder kritisiere seine Vorschläge oder ignoriere sie.

•  Zeige dem Coach Dein Desinteresse oder Langeweile oder lenke Dich mit anderen Dingen ab.

Beispiele:

Coach: "Was ist Dein Problem oder Dein Ziel?"

Klient: "Das geht Dich gar nichts an. Das ist meine Privatsache. Warum fragst Du mich das überhaupt? Willst Du mich etwa ausspionieren? Oder hast Du sonst nichts zu tun?"

Coach: "Was hast Du bisher versucht, um Dein Problem zu lösen oder Dein Ziel zu erreichen?"

Klient: "Das weiß ich nicht mehr. Das ist schon so lange her. Das ist mir auch egal. Das hat sowieso alles nichts gebracht. Was hast Du denn für tolle Ideen? Du bist doch der Experte, oder?"

Coach: "Was hindert Dich daran, Dein Problem zu lösen oder Dein Ziel zu erreichen?"

Klient: "Ach, das sind so viele Sachen. Da kann ich gar nicht alle aufzählen. Das sind alles Sachen, die ich nicht ändern kann. Das sind alles Sachen, die außerhalb meiner Kontrolle liegen. Das sind alles Sachen, die Deine Schuld sind."

Coach: "Was würdest Du gerne anders machen oder haben?"

Klient: "Das weiß ich auch nicht so genau. Das ist mir auch egal. Ich bin zufrieden, wie es ist. Ich brauche keine Veränderung. Ich brauche keinen Coach."

Coach: "Wie kann ich Dir helfen?"

Klient: "Gar nicht. Du kannst mir nicht helfen. Du kannst niemandem helfen. Du bist doch selbst ein Versager. Du hast doch selbst keine Ahnung von nichts. Du willst doch nur mein Geld."

Die Übung dauert etwa 10 Minuten. Danach wechselt Ihr die Rollen und macht die Übung nochmal mit einem anderen Problem oder Ziel.

Vertrag widerrufen